„Kompass ohne Norden“ von Neal Shusterman

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»In meinem Kopf sind Gedanken, die sich jedoch nicht wie meine anfühlen. Sie sind fast wie Stimmen. Sie sagen mir Sachen…«

Originaltitel: Challenger Deep – Autor: Neal Shusterman – VerlagHanser Literaturverlage (19. Juni 2020) – Genre: Jugendbuch – Altersempfehlung: ab 14 Jahren – Format: Taschenbuch – Buchlänge: 336 Seiten – Preis: 9,95 € – ISBN: 978-3423627191 – Erhältlich beiHanser*Rezensionsexemplar

© Neal Shusterman

Neal Shusterman ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Autoren für Kinder und Jugendliche. Er wuchs in Brooklyn auf und studierte in Kalifornien Psychologie und Theaterwissenschaften. Kompass ohne Norden basiert auf Shustermans Erfahrungen mit der Schizophrenie seines Sohnes Brendan. Die deutsche Ausgabe erschien 2018 bei Hanser. Für Kompass ohne Norden wurde Neal Shusterman 2015 mit dem National Book Award und 2019 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Preis der Jugendjury) ausgezeichnet. (Quelle: Hanser)

Einfühlsam, umwerfend, außergewöhnlich – Neal Shustermans Roman über Schizophrenie aus der Sicht eines Betroffenen, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2019
Caden hält sich für einen normalen Jungen. Doch sein Verstand ist ein krankhafter Lügner, der sich auf fantastische Reisen begibt. Manchmal befindet Caden sich auf dem Weg zum tiefsten Punkt der Erde im Marianengraben, auf einem Schiff, auf dem die Zeit seitlich läuft wie eine Krabbe, verwittert von Millionen Fahrten, die bis in die finstere Vergangenheit zurückreichen. Und in der Realität lässt Cadens Verstand harmlose Dinge wie einen Gartenschlauch zur tödlichen Gefahr werden. Als die Grenze zwischen realer und fantastischer Welt verschwimmt, begreift Caden: In den Tagen der Bibel hätte er vermutlich als Prophet gegolten, doch heute lautet die Diagnose: Schizophrenie. (Quelle: Hanser)

»Je mehr du es schaffst, die Dinge nicht mehr zu glauben, die deine Krankheit dir einreden will, desto schneller wirst du gesund genug, um wieder nach Hause zu gehen.«

Als ich mit dem Lesen begann, kam mir das Buch wie ein Papierbündel voller Nonsense versehen mit verborgenen Botschaften vor. Die Geschichte von Caden ist auf mehreren Ebenen nicht einfach zu lesen, denn die Gedankengänge eines Schizophrenen zu verfolgen, ist weder ein leichtes Manöver noch eine leichte Kost. Das Buch ist sehr bildhaft geschrieben, es trägt eine gewaltige Bildsprache. Das eigene Kopfkino muss hier auf jeden Fall viel arbeiten und die eigene Phantasie wird an ihre Grenzen gebracht. Da ich ein sehr verkopfter Mensch bin, konnte ich die Gefühle des Buches jedoch nicht einfach auf mich wirken lassen, sondern habe ständig versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, um seine Gedankengänge besser nachvollziehen zu können. Aber genau das hat mir die Geschichte ehrlich gesagt etwas kaputt gemacht, da ich sie auf diese Art und Weise weniger genießen konnte. Ständig fragte ich mich, was die Figuren und Dinge in seinem Kopf zu bedeuten haben und auf wen oder was es sich in der Realität beziehen lässt. Kompass ohne Norden ist definitiv kein Buch, in dem ich mal gemütlich zwischendurch geschmökert habe. Die Messages sind hart, die Schizophrenie noch härter. Mit den Seiten konnte ich dann immer tiefer Cadens Kopf abdriften und mir eine Ahnung davon verschaffen, wie sich eine derartige Erkrankung manifestieren kann.

Soweit ich das beurteilen kann, vermittelt das Buch Außenstehenden einen guten Eindruck von dieser psychischen Erkrankung. Und auch, wenn ich auf emotionaler Ebene nicht mitfühlen konnte, habe ich ansatzweise „verstehen“ können, warum Caden so und nicht anders handelt. Die Schizophrenie wird greifbarer und auch, wenn Außenstehende niemals vollkommen verstehen werden, warum solche Gedankengänge bestehen und welchen Einfluss sie auf das eigene Handeln haben, erzeugt Kompass ohne Norden eine Nachsichtigkeit gegenüber den Erkrankten. Ich denke, auch Betroffenen kann diese Geschichte Mut machen. Sie könnten sich verstanden und sich bei dem Kampf gegen ihre inneren Dämonen nicht alleine fühlen. Allerdings lasse ich dabei eine mögliche Auslösung eines Triggers nicht unerwähnt. Schließlich ist die Geschichte gar nicht so weit hergeholt, da der Sohn des Autors selbst von dieser Krankheit betroffen ist und somit als Erzählanlass diente sowie inspirierte.

»Ich bin wütend! Wieso können Sie mir nicht meine Wut lassen? Wieso müssen Sie alle meine Gefühle wegtherapieren?«

Ich stehe dem Buch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits verstehe ich, warum Kompass ohne Norden mit diesem gewaltigen Thema, dem ergreifenden Einblick und der gigantischen Bildsprache den Jugendliteraturpreis gewonnen hat. Andererseits war das Lesen wirklich sehr anstregend, emotional konnte es mich nicht packen und die Geschichte hinterlässt ein bedrückendes Gefühl, sodass ich irgendwie froh war, dass es endlich vorbei ist.

Das Buch bietet auf jeden Fall viel Gesprächsbedarf, weshalb an dieser Stelle liebe Grüße an @neniswelt für den unterhaltsamen Buddyread rausgehen! Danke, dass du mich bei dieser schwierigen Geschichte begleitet hast. ♥

Leseprobe

5 Fragen an … Neal Shusterman (Quelle: Hanser)

Herr Shusterman, wen möchten Sie mit ihrem Roman Kompass ohne Norden erreichen?
Jeden. Erwachsene, Jugendliche, Menschen, die mit einer psychischen Krankheit kämpfen und Menschen, die das nicht tun. Ich möchte, dass Betroffene, egal an welcher seelischen Krankheit sie leiden, das Buch lesen und verstehen, dass sie nicht allein sind und dass es Hoffnung gibt. Ich möchte, dass andere verstehen, wie es sich anfühlt, wenn man so tief im eigenen Kopf verloren ist, als wäre man auf dem Grund des Ozeans – und hoffentlich werden die Leser hinterher mehr Verständnis und Mitgefühl für diejenigen haben, die an psychischen Krankheiten leiden.

Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?
Als mein Sohn Brendan 16 Jahre alt war, wurde bei ihm eine schizoaffektive Störung diagnostiziert. Das ist eine Kombination aus Schizophrenie und biopolarer Störung. Das war ein doppelt harter Schlag. Während eines psychotischen Schubs konnte er nicht mehr unterscheiden, was tatsächlich passierte und was sich nur in seinem Kopf abspielte. Er kam ins Krankenhaus, und als er am Tiefpunkt seiner Krankheit angelangt war, sagte er zu mir: „Dad, es fühlt sich an, als ob ich auf dem Grund des Ozeans aus voller Lunge schreie, und niemand kann mich hören.“ Als Autor bin ich immer auf der Suche nach bedeutsamen Geschichten – und in diesem Moment wusste ich, dass ich über dieses Gefühl schreiben musste. Als Brendan, ungefähr fünf Jahre später, anfing, aufzublühen und die Krankheit unter Kontrolle hatte, fragte ich ihn, ob ich eine Geschichte über einen Teenager schreiben dürfe, der etwas Ähnliches wie er selbst durchmacht. Jetzt ist Brendan 28 Jahre alt, lebt in Thailand und unterrichtet dort Englisch. Wenn man mit einer psychischen Krankheit klarkommen muss, gibt es viel Verzweiflung, aber auch sehr viel Hoffnung. Unsere Geschichte ist eine Geschichte über Hoffnung. Ich würde nicht sagen, dass sie ein Happy End hat, denn das wäre zu simpel. Das Leben geht weiter – es wird auch weiterhin Höhen und Tiefen geben –, aber jetzt gerade läuft es gut und hoffentlich bleibt es so!

Hat es einen Grund, dass die fantastische Erzählebene auf einem Boot spielt?
Das kam alles von Brendan – seine Faszination für die Tiefen des Ozeans als Kind, und was er gemalt hatte, als er tief in der Krankheit steckte. Seine Kunstwerke aus dieser Zeit sind in das Buch integriert, weil sie das gesamte fantastische Element der Geschichte inspiriert haben. Ich glaube, dass sie das Buch um eine sehr starke Dimension erweitern. Eines seiner Bilder nannte er Die Sterne haben recht, und ich sehe darin eine Gallionsfigur am Bug eines Schiffs, die zum Leben erwacht und sich in Richtung Freiheit emporhebt. Dieses Bild hat mich ursprünglich auf die Idee gebracht, die Geschichte auf einem Schiff spielen zu lassen –, und dieser Aspekt macht einen entscheidenden Teil der Geschichte aus.

Wie würden Sie Caden Bosch, den Protagonisten, beschreiben?
Caden ist schlau, witzig und freundlich. Er ist der Junge von nebenan. Er ist dein bester Freund. Er ist NICHT, was man sich unter einem psychisch kranken Jungen vorstellt, denn so viele unserer Auffassungen über psychische Krankheiten sind falsch. Caden ist jemand, den man kennt, und den man gern hat, und man ist geschockt, wenn man herausfindet, woran er leidet. Deshalb wünscht man sich, man könne selbst auf den Grund des Ozeans vordringen, und ihm dabei helfen, seinen Weg zurückzufinden.

Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Satz in dem Buch?
Da suche ich mir lieber zwei Zitate aus. Sie kommen an unterschiedlichen Stellen im Buch vor, sind aber eng miteinander verbunden – und zwar absichtlich. Beim ersten Zitat handelt es sich um die letzten Zeilen des ersten Kapitels, kurz bevor wir „den Kapitän“ treffen, der sich als Personifizierung von Cadens Krankheit herausstellt.

Noch bevor es ein Schiff gab, war der Kapitän schon da. Diese Reise hat mit ihm begonnen, du vermutest, sie wird auch mit ihm enden, und alles dazwischen ist das pulvrige Mehl von Windmühlen, welche auch Riesen sein könnten, die Knochen zermahlen und Brot daraus machen. Tritt leise auf, sonst weckst du sie.

Im zweiten Zitat versucht Caden, seine Wahnvorstellungen zu beschreiben, und die Riesen, die in dem vorigen Zitat aufgetaucht sind, kommen hier wieder zurück …

Don Quijote – der berühmte Verrückte aus der Literatur – kämpfte gegen Windmühlen. Die Leute glauben, dass er Riesen sah, wenn er sie anschaute, aber wer selbst soweit war, kennt die Wahrheit. Er sah Windmühlen wie alle anderen auch – aber er glaubte, sie wären Riesen. Nichts macht mehr Angst als nie zu wissen, was du plötzlich glauben wirst.


*An dieser Stelle möchte ich mich beim Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanken! Meine Meinung bleibt dennoch stets ehrlich und unverfälscht, versprochen.


 

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